Während die einen mit Fantasie dem Alltag zu entfliehen versuchen, reden die anderen über das Leben nach dem Tode. Willkommen in Chattanooga, Tennessee.
Mike sieht aus wie ein beleibtes Mainzelmännchen, das sich zum Geburtstag der niederländischen Königin aufgebretzelt hat. Er trägt die Farben des Hauses Oranje – Käppi, Hemd, Hosen, Socken, Schuhe, „auch die Unterwäsche“, alles Orange. Etwas anderes als Orange würde Mike nie mehr anziehen. Seit 37 Jahren trägt er diesen Farbton (selbst die Unterhose…) und seit dieser Zeit ist er auch Fan von …
Vor 58 Jahren in Jackson/Tennessee geboren, hat er mit 22 ein paar hellrote Halbschuhe gekauft und kurz darauf beschlossen, nie wieder ein Kleidungsstück in einer anderen Farbe anzuziehen. Zur gleichen Zeit erwachte seine Liebe zur Sience-Fiction-Literatur, was ihn selbst überraschte, denn er hatte gerade seinen B.A. in amerikanischer Geschichte gemacht. „Science Fiction“, sagt Mike, wobei er die Abkürzung SiFi bewusst vermeidet, „ist die einzige literarische Form der Gegenwart, die unsere Vorstellungskraft stimuliert, die Wirklichkeit in Frage stellt und Grenzen überschreitet. Was gestern Fiction war, ist heute Realität“, die Reise zum Mond, zum Beispiel, oder genetische Veränderungen bei Pflanzen und Tieren und demnächst auch bei Menschen.
1975 nahm Mike zum ersten Mal an einer „Convention“ von Science-Fiction-Freunden in Nashville teil. Dabei wurde ihm klar: „Das ist meine Gemeinde!“ Ein Jahr später fand in Chattanooga ein Treffen statt, das von einem Mann namens Erwin Koch organisiert wurde. Ein paar Dutzend Hard-Core-Fans, die sich alle untereinander kannten, kamen zusammen. Seitdem sind 37 Jahre vergangen, und die „Chattacon“ ist eine der größten Science-Fiction-Messen der USA geworden. Dieses Jahr kamen 900 Freunde des Phantastischen nach Chattanooga, um an Lesungen („Die Kolonisierung des Weltraums“), Workshops („Die Kunst der Verkleidung“) und Wettbewerben für das schönste Kostüm teilzunehmen.
Science Fiction ist kein billiges Hobby
Mike ist nicht nur von Anfang an dabei, er ist auch der einzige, der bei allen 37 „Conventions“ dabei war, ein Veteran der Bewegung sozusagen. Auch seine Frau Sharleen, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist, hat er bei einer Science-Fiction-Convention kennengelernt. Sie leben in einem Haus in Milwaukee/Wisconsin, verdienen ihren Lebensunterhalt als städtische Angestellte und verbringen, umgeben von 10.000 Büchern, jede freie Minute mit Science Fiction.
Es ist kein billiges Hobby. Statt in die Ferien zu fahren, besuchen sie „Conventions“, über Feminismus und Science Fiction, Sex und Science Fiction, über Star Wars, Star Trek und Stargate. „Ein Treffen von Science-Fiction-Fans“, sagt Mike, der nicht raucht, nicht trinkt und früh schlafen geht, „ist der größte Spaß, den man haben kann, ohne dabei verhaftet zu werden“. Nebenbei arbeitet er als Administrator für Wikipedia und bearbeitet vor allem Einträge, die mit Science Fiction zu tun haben.
In der Tat kann in einem Land, das dermaßen überreguliert ist wie Amerika („Don’teventhinkofparkinghere!“), Science Fiction der Notausgang aus der Langeweile des Alltags sein. Drei Tage laufen die Teilnehmer der „Chattacon“ in den wildesten Kostümen herum, und fragt man sie, was sie in ihrem anderen Leben machen, dann stellen sie sich als Lehrer, Polizisten, Busfahrer, Studenten, Hausfrauen, Ingenieure, Buchhalter und Anlageberater vor.
Ganz normale Amerikaner, die morgens auf dem Weg zur Arbeit eine Stunde im Stau stehen und abends auf dem Rückweg ein paar Fertiggerichte bei „Stop & Shop“ kaufen, die sie daheim in der Mikrowelle zubereiten.
Christen, Juden und Moslems über das Leben nach dem Tode
Das Interesse an einer Welt außerhalb der eigenen vier Wände ist allerdings nicht auf die Science-Fiction-Freunde beschränkt. Während die im Chattanooga Choo Choo Hotel, dem stillgelegten legendären Bahnhof von Chattanooga, ihre „Convention“ feiern, treffen sich nur zehn Autominuten entfernt im Jüdischen Kulturzentrum von Chattanooga Christen, Juden und Moslems, um etwas über das Leben nach dem Tode („Life and Afterlife“) er erfahren.
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